So sieht eine Welt mit 100 Prozent erneuerbaren Energien aus

Frans Van Den Heuvel

Ein neuer historischer Bericht von Energy Watch zeig, dass unsere Energie in nur wenigen Jahrzehnten zu 100 Prozent aus erneuerbaren Energien stammt, und das auch noch kostengünstig.

Von Frans van den Heuvel, Solarcentury

Um dem Klimawandel entgegenzuwirken und den CO₂-Ausstoß zu senken, ist ein schneller Wechsel von fossilen Brennstoffen auf erneuerbare Energien anerkanntermaßen die wichtigste Maßnahme. Bisher war aber kein Maßnahmenplan imstande darzulegen, dass eine weltweite Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien nicht nur machbar, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll ist.

Letzten Monat hat sich das allerdings grundlegend geändert. Wir haben jetzt ein klares Bild von unserem alternativen, sauberen Energiesystem. Die Energy Watch Group hat zusammen mit der finnischen LUT University gezeigt, dass die Welt noch vor 2050 ihren sämtlichen Energiebedarf für Wärme, Verkehr und Entsalzung aus treibhausgasfreien Strom decken wird.

Das ist ein wirklich visionärer, historischer Bericht. Die darin skizzierte Modellierungsstudie simuliert anhand von stündlichen Aufzeichnungen eine vollständige weltweite Energiewende und zeigt auf, dass dieses System günstiger ist als unsere aktuelle, globale Energieversorgung. Die Wende hin zu 100 Prozent erneuerbaren Energien ist möglich und konkurrenzfähiger als Energie aus fossilen Brennstoffen.

Der Bericht zeigt die Entwicklung einer Roadmap, mit der erreicht werden soll, was unsere junge Generation mit so viel Engagement und Mut fordert. Die Forscher haben nicht nur eine weitere Studie über umweltbewusste, zukünftige Energiesysteme abgeliefert, sondern eröffnen ganz neue Perspektiven für eine Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien innerhalb der nächsten zwei oder drei Jahrzehnte. Ein vollständiger Wechsel ist nicht nur machbar, sondern auch noch günstiger als unser derzeitiges globales Energiesystem. Außerdem werden mehr Arbeitsplätze geschaffen und dies eröffnet neue Möglichkeiten für viele Regionen weltweit für eine unabhängige Energiegewinnung und damit auch eine Chance für Frieden und Stabilität.

Wenn die Autoren Recht haben ist eine Welt mit 100 Prozent erneuerbaren Energien ein echter Gewinn für alle.

Und so sieht eine Welt mit 100 Prozent erneuerbaren Energien aus:

1. Alles wird mit Elektrizität betrieben 

Mehr als 90 Prozent unserer Energie wird bis 2050 aus Elektrizität gewonnen. Die Verwendung fossiler Brennstoffe wird vollständig zurückgefahren und verbleibende Kraftstoffe basieren entweder auf Elektrizität oder sind Biokraftstoffe. Die Energie wird lokal und regional erzeugt. Das erhöht ihre Effizienz, da die Energie dort eingesetzt wird, wo sie produziert wird und ein Transport über lange Strecken unnötig ist.

 

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Solarparks wie dieser hier in den Niederlanden, der Tausende von Haushalten mit Strom versorgt, werden einen hohen Prozentsatz unserer Elektrizität bereitstellen. Foto: Solarcentury

2. Der Großteil unserer Energie wird durch Solarsysteme bereitgestellt

Photovoltaik wird mit fast 70 % der Hauptstromlieferant sein, gefolgt von einer Mischung aus Windenergie (18 %), Biomasse und Abfall (6 %), Wasser- (3 %) und geothermischer Energie (2 %).

 

3. Energie wird günstiger als sie es heute ist

Genialerweise ist ein System mit 100 Prozent erneuerbaren Energien eine deutlich kostengünstigere Alternative zu unserem jetzigen System. Das ist ein echter Gewinn für alle, weil es gut für die Gesellschaft und die Umwelt ist. Im mittleren Osten und Nordafrika werden die Preise für Stromerzeugung um mehr als 30 % sinken, in Nordamerika um 22 %, in Südamerika um 34 % und in Europa um 15 %, wobei wir gleichzeitig eine CO₂-freie Energieerzeugung bis 2050 erreichen werden. Die sogenannten Stromgestehungskosten (Levelised Cost of Electricity – LCoE) verringern sich von 78 €/MWh im Jahr 2015 auf ca. 53 €/MWh bis zum Jahr 2050.

4. CO-freie Energie bis 2050 oder früher

Energetische Treibhausgasemissionen (THG) waren für mehr als 60 Prozent der globalen THG-Emissionen im Jahr 2015 verantwortlich. Im Gegensatz zu gängigen Behauptungen ist eine starke Entkarbonisierung des Strom- und Wärmesektors bis 2030 möglich. Der Transportsektor folgt später. Hier ist ein starker Rückgang von Treibhausgasemissionen zwischen 2030 und 2050 zu erwarten. Während der Umstellung verringern sich die globalen THG-Emissionen im Energiesektor kontinuierlich von jährlich ca. 30 Gt-CO₂-Äq. im Jahr 2015 bis auf null im Jahr 2050.

5. Millionen von lokalen Arbeitsplätzen werden geschaffen

Und damit wird die Geschichte der erneuerbaren Energien immer besser. Im Jahr 2015 waren im globalen Stromsektor 20 Millionen Menschen beschäftigt, davon mehr als 70 % im Bereich fossile Brennstoffe. In einem System mit 100 % erneuerbaren Energien werden 35 Millionen Menschen arbeiten, wobei im Bereich Photovoltaik die meisten Arbeitsplätze geschaffen werden. In diesem Sektor werden bis zum Jahr 2050 22 Millionen Menschen beschäftigt sein. Im Jahr 2015 gab es weltweit neun Millionen Arbeitsplätze in der Kohleindustrie. Diese werden bis 2050 zwar fast gänzlich abgebaut aber dieser Verlust wird durch die über 15 Millionen neuen Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien mehr als ausgeglichen.

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Wie können wir 100 Prozent erneuerbare Energien realisieren?

Der jüngste Bericht von Energy Watch Group und LUT University beweist, dass die Umstellung auf 100 Prozent erneuerbare Energien nicht nur machbar, sondern auch konkurrenzfähig ist. Zudem werden deutlich mehr Arbeitsplätze geschaffen als in unserer aktuellen Energieinfrastruktur. Es ist ganz klar die sicherste Strategie für wirtschaftlichen Wohlstand im einundzwanzigsten Jahrhundert. Gleichzeitig ist sie die wichtigste Aufgabe der Menschheit.

Hier sind sich Freund und Feind einig: Die Gesamtbetriebskosten für erneuerbare Energien wie Solar- und Windenergie sind in den nächsten Jahrzehnten konkurrenzfähiger als Energie aus fossilen Brennstoffen.

Der Investitionsaufwand für erneuerbare Energien ist allerdings erheblich höher während die Betriebskosten deutlich geringer sind. In der Tat wird das leistungsschwachen Fonds helfen, die so über einen langen Zeitraum stabile und faire Renditen erzielen können.

Nach Meinung von Hans-Josef Fell von Energy Watch liegt es jetzt an unseren Politikern: „Wir müssen die Debatte verändern. Eine weltweite Umstellung auf ein System mit 100 Prozent erneuerbaren Energien ist jetzt nicht mehr eine Frage der technischen Machbarkeit oder des wirtschaftlichen Nutzens, sondern eine Frage des politischen Willens. Wir brauchen nicht nur ambitionierte Ziele, sondern auch stabile, langfristige und zuverlässige politische Rahmen, die an nationale Gegebenheiten und Umgebungen angepasst sind. Wir rufen die globale Gemeinschaft dazu auf, dringend einen zukunftsweisenden Weg in Richtung Null-THG-Emissionen einzuschlagen und einen raschen Wandel einzuleiten in der Art und Weise, wie wir natürliche Ressourcen nutzen und Elektrizität, Wärme und Verkehr bereitstellen.“